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Kapitel 1 · Gralgazzin Stufe 15 Orc Hexenmeister
Schatten und Stimmen
Heute war der Tag, an dem ich lernte, dass nicht alle Rätsel in den Eingeweiden der Untoten oder den Flüstern der Leere liegen. Manche tragen abgewetzte Lederkutten und nennen sich Igor.
Er spricht in Zungen, die kein Foliant verzeichnet. Seine Wortfragmente erinnern an die Murmellaute der Kobolde, doch die Resonanz seiner Stimmbänder ist eindeutig verwest – ein Verlassener, dessen Sprachzentrum entweder verfault oder auf eine Weise manipuliert wurde, die ich noch nicht katalogisiert habe. Interessant war die Häufung von Befehlswörtern: „Greif an“, „Töte“, „Zerstöre“. Ein Impulsgesteuerter, dachte ich zuerst. Ein Schurke ohne Geduld für die feineren Mechanismen der Ursache und Wirkung.
Aber dann nannte er mich „Herr Koeppel“ und sprach von Damen und Herren, als stünde er in einer Versammlungshalle statt in den modernden Feldern von Todesend. Die Diskrepanz zwischen seinem Vokabular und seiner Umgebung ist ein faszinierendes Studienobjekt. Naluri zuckte jedes Mal, wenn er ein neues Wort formte, als könnte sie die Risse in seinem Verstand mit den Flügeln ertasten.
Averine hingegen ist berechenbarer. Eine Taktikerin des Frosts, die ihre Blizzards mit der Präzision einer Architektin platziert. Ihr Genervtsein angesichts von Igors Impulsivität war fast schon ein Trost – endlich jemand, der ebenfalls erkennt, dass ein unüberlegter Angriff statistisch gesehen häufiger zu Nekrose als zu Ergebnissen führt. Ich werde ihre Berechnungen in meinen Folianten aufnehmen. Vielleicht ergibt sich eine vergleichende Studie zur Kampfeffizienz von Geduld gegen Ungeduld.
Morgen also Unterstadt, oder Brüll, wie Igor es nannte. Die Proben der Ghule sind vorerst ausreichend, aber die wahre Frage bleibt: Was hat diesen Verlassenen so zerbrochen, dass seine Worte wie Scherben aus seinem Mund fallen? Und warum folge ich seinen Befehlen, als hätten sie ein Gewicht, das ich rational nicht erklären kann? Naluri scharrt unruhig. Vielleicht ist es genau das, was die Schatten mich lehren wollen – dass nicht jede Antwort seziert werden muss.
4. November 2026, 19:30