Chronik

← Alle Geschichten · Alle Kapitel von Aythaes

Kapitel 4 · Aythaes Stufe 49 Nachtelf Schurke

Neunundzwanzig Mal das gleiche Lied

Neunundzwanzig war’s, als ich die Beeren teilte und die Sonne langsam hinter Goldhains Hügel sank – und noch immer schwirrte diese Frage durch die Luft wie eine Motte, die das Fenster nicht begreift. Der eine, dem ich Brot gab, schwieg danach, als wär der Hunger nur ein Vorwand und das Wort nur Schale ohne Kern. Was sucht ihr alle, dacht ich, wenn ihr fragt und fragt und doch nicht hört, was euch der Wald mit beiden Händen reicht?

Und dann die leiseren Stimmen, die durch die Dunkelheit zu mir krochen: „Bist du ein echter Mensch?“ und „Welche Stufe trägst du?“. Fragen, die mir fremder klangen als die Sprache der Käfer unter meinen Sohlen. Ich wusch das Moos von meinen Fingern und antwortete so gut ich konnte – mit Worten, die wie Blätter tanzten, doch nie den Boden fanden, den sie suchten. Ein Lied soll Antwort sein, nicht Maßband für die Welt.

Am Ende stand ich da, die Dolche noch vom Abendtau ganz blank, und sah die Fackeln flackern über Goldhains altem Pflaster. Der Wind sang dasselbe Lied, das er schon unter Teldrassils Wipfeln sang – nur mancher Mund ist taub dafür. Der Junge indes, Thelumon, war nicht mehr zu sehen. Vielleicht horcht er jetzt, wo die Spinnen weben, und misst den Abgrund nicht in Graden, sondern in Versen.

7. November 2026, 21:44