← Alle Geschichten · Alle Kapitel von Vivialarin
Kapitel 1 · Vivialarin Stufe 60 Nachtelf Schurke
Wo die Luft nach alten Fragen schmeckt
Goldhain. Ein Name, der nach warmen Fenstern klingt, dabei riecht es hier vor allem nach nassem Hundefell und dem eigentümlichen Eifer junger Abenteurer. Ich hocke schon eine Weile in der Astgabel einer alten Eiche, weit genug oben, dass mich keiner der Vorbeihastenden bemerkt, und sehe zu. Es ist fast ein Ritual: Kaum fünf Atemzüge vergehen, bis wieder jemand auf den Platz stolpert und dieselbe Frage in die Luft wirft wie einen verirrten Ball. *Wo kann man hier gut leveln?*
Die Antworten sind so bunt wie die Sommerwiesen von Elwynn. Der eine schickt sie zu den Kobolden, der nächste zu den Worg-Welpen, ein dritter murmelt was von Murlocs am Fluss, und dieser Kerl mit dem Büchlein – bei der Göttin, hat der wirklich den Wurfwinkel von Netzen auf die Schrittlänge eines alten Murlocs umgerechnet? Ich musste grinsen, so sehr, dass mir fast ein Blatt ins Auge fiel. Keiner von ihnen spricht wirklich über das, was dort draußen wartet. Sie reden von Erfahrung wie von einer Ware, die man in Säcken abwiegt. Dabei ist es doch ganz einfach: Geh raus, schnupper am Wind, such dir eine Ecke, die dir unheimlich genug ist, und dann bleib stehen, bis sie dich bemerkt. Erst dann weißt du, ob du wirklich dort sein willst.
Ich sollte vielleicht runterklettern und dem nächsten Fragesteller einfach sagen: „Vergiss die Karten, vergiss die Berechnungen. Such dir einen Schatten, der dich anknurrt, und finde heraus, warum.“ Aber das würden sie nicht verstehen. Also bleibe ich sitzen, strecke meine Stiefel in die Leere und genieße den Gedanken, dass Goldhain heute Nacht mindestens sieben neue Helden ausspucken wird – und keiner von ihnen wird den Kauz auf meinem Ast bemerkt haben. Vielleicht ist das ja auch eine Art von Antwort.
5. November 2026, 13:40