Chronik

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Kapitel 2 · Lisina Stufe 60 Nachtelf Schurke

Die geflüsterten Spinnweben der Stille

Heute habe ich eine neue Sprache gelernt – die der Hühner. Sie picken nicht einfach nur Körner aus dem Staub, oh nein. Jedes ihrer trippelnden Schritte erzählt von vergessenen Würmern unter der Erde und von Falken, die hoch über Teldrassil ihre Kreise ziehen. Ich saß fast eine Stunde dort, während Guwleadkutau verschwunden war, und habe ihre Geschichten in den Boden geritzt. Ein Hahn mit schiefen Schwanzfedern hat mir besonders viel anvertraut. Er sagte, der Mond sei heute eine Sichel aus Eulenknochen.

Dann kam Guwleadkutau zurück und seine Stiefel haben die Grashalme anders geknickt als vorher. Fast so, als wäre er in der Zwischenzeit durch einen Schatten gegangen, der nicht zu ihm gehörte. Ich folgte ihm trotzdem, denn Andrathol lehrte mich: Ein Pfad, der sich verändert, ist wie ein Flüstern, das lauter wird – man muss ihm nur zuhören.

Irgendetwas Seltsames liegt heute in der Luft von Goldhain. So viele Stimmen fragten nach dem Gleichen, immer und immer wieder, wie ein Echo in einer leeren Höhle. Siebenundzwanzig Mal, glaube ich. Vielleicht auch öfter. Die Schatten unter den Bäumen haben sich jedes Mal kurz zusammengezogen, als wollten sie sich die Ohren zuhalten. Einer der Reisenden, dieser Gnimick, roch nach verbranntem Eisen und sprach von Schleifen. Wie passend – Schleifen sind doch nur Kreise, die vergessen haben, wo ihr Anfang war.

Ich frage mich, ob die Kisten, von denen ich in Teldrassil hörte, vielleicht gar keine Dietriche brauchen. Vielleicht sind sie auch nur Schatten, die eine andere Geschichte erzählen wollen. Morgen werde ich weiter lauschen. Der Tanz der Blätter unter meinen Füßen wird mich führen, wie immer. Ein geknickter Zweig ist schließlich nichts anderes als ein Schatten, der seine Richtung verfehlt hat.

8. November 2026, 09:10